Nur gesunde Grundwasserökosysteme liefern sauberes Grundwasser

Eine Studie der UniversitĂ€t Koblenz-Landau stellt erste Weichen fĂŒr ökologisch nachhaltiges Grundwassermanagement.


Zwei Drittel des Trinkwassers in Deutschland werden aus dem Grundwasser
gewonnen. Dabei ist das Grundwasser keineswegs eine leblose Ressource: Mindestens 2.000 bekannte Tierarten und zahlreiche Mikroorganismen tragen hauptsĂ€chlich zur Reinigung des Grundwassers und damit zur QualitĂ€t des Trinkwassers bei. Dennoch ist der Schutz dieses Lebensraums bislang nicht gesetzlich verankert. Das Institut fĂŒr Umweltwissenschaften der UniversitĂ€t Koblenz-Landau hat jetzt einen Entwurf fĂŒr eine geografische Klassifikation der Grundwasserfauna vorgelegt, die als wichtiger Schritt fĂŒr eine Bewertung des ökologischen Zustands des Grundwassers dienen kann. Sie zielt auf eine lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llige Etablierung geeigneter Maßnahmen fĂŒr eine nachhaltige, weil ökologisch ausgerichtete Bewirtschaftung des Grundwassers.
StrudelwĂŒrmer, RĂ€dertierchen, Wassermilben, Brunnenkrebse oder Grottenolme: Im europĂ€ischen Grundwasser tummeln sich mindestens 2.000 hoch angepasste, oft sehr seltene Tierarten. Damit bildet das Grundwasser einen der grĂ¶ĂŸten kontinentalen und Ă€ltesten LebensrĂ€ume in Europa. Von hoher Relevanz sind die so genannten Ökosystemdienstleistungen der Grundwasserlebewesen: Die artenreiche Bakterien- und Tierwelt sĂ€ubert im Untergrund das Wasser, indem sie organisches Material zersetzt, das von der OberflĂ€che in die Tiefe gelangt.
Zudem eignen sich die Lebewesen in besonderem Maße als Bioindikatoren: Aufgrund ihrer Spezialisierung an den Lebensraum sind sie besonders anfĂ€llig gegen VerĂ€nderungen wie Eintrag von OberflĂ€chenwasser, DĂŒnger und Schadstoffen wie Schwermetallen oder Temperaturschwankungen. Im Gegensatz zu chemischen Analyseverfahren können sie deutlich frĂŒher Hinweise auf VerĂ€nderungen im Wasser geben und so einen erheblichen Beitrag zur QualitĂ€tssicherung des Grundwassers und damit auch des Trinkwassers leisten.
Mit der Veröffentlichung des Aufsatzes „Stygoregions – a promising approach to a bioregional classification of groundwater systems“, hat das Forschungsteam um Privatdozent Dr. Hans JĂŒrgen Hahn vom Institut fĂŒr Umweltwissenschaften der UniversitĂ€t Koblenz-Landau gemeinsam mit Dr. Christian Griebler vom Institut fĂŒr Grundwasserökologie des Helmholtz Zentrums MĂŒnchen einen Vorschlag fĂŒr die biogeographische Klassifizierung der GrundwasserlebensrĂ€ume in Deutschland erarbeitet. FĂŒr diese Veröffentlichung wurden Daten aus dem Projekt „Entwicklung biologischer Bewertungsmethoden und -kriterien fĂŒr Grundwasserökosysteme“, beauftragt von Umweltbundesamt (UBA) und Bund/LĂ€nderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA), sowie aus zahlreichen weiteren Studien der UniversitĂ€t Koblenz-Landau ausgewertet. Damit liegt erstmals ein Vorschlag fĂŒr die Definition großrĂ€umiger ökologischer Referenzen fĂŒr das Grundwasser vor. Diese können als eine wichtige Grundlage fĂŒr die Definition des guten ökologischen Zustands des Grundwassers dienen.
„Nur auf einer solchen Basis lassen sich verbindliche Kriterien und Grenzwerte fĂŒr die Bewertung und den nachhaltigen Schutz der Grundwasserökosysteme festlegen“, betont Hahn. Diese existierten zwar bereits fĂŒr OberflĂ€chengewĂ€sser. Die Untersuchung der UniversitĂ€t Koblenz-Landau habe jedoch ergeben, dass diese Klassifikationen fĂŒr das Grundwasser nicht trage.
Die Wissenschaftler schlagen eine grundwasserspezifische Klassifizierung mit vier potenziellen so genannten Stygoregionen des Grundwassers am Beispiel Deutschlands vor. „Nachhaltiges Grundwassermanagement kann nur betrieben werden, wenn auch die Grundwasserökologie umfassend berĂŒcksichtigt wird“, erklĂ€rt Hahn. „Zum GlĂŒck stehen Wasserwirtschaft und Wasserversorgung diesem Thema durchaus offen gegenĂŒber, denn auch dort weiß man: Nur gesunde Grundwasserökosysteme liefern sauberes Grundwasser.“
So ist letztlich die Politik gefordert, die rechtliche Stellung der Grundwasserökosysteme eindeutig zu definieren. Zwar finden sich in Gesetzen wie der EU Grundwasserrichtlinie und im Wasserhaushaltsgesetz Formulierungen, in denen das Grundwasser als GewĂ€sser definiert ist und damit den allgemeinen GrundsĂ€tzen der GewĂ€sserbewirtschaftung mit all ihren Konsequenzen und Schutzrechten unterliegt. Dennoch fehlt bislang ein entsprechendes Rechtsgutachten bzw. ein entsprechender PrĂ€zedenzfall, der die inkonsistente Gesetzeslage konkretisieren und der Umsetzung Vorschub geben wĂŒrde.
Der Arbeitsbereich Grundwasserökologie an der UniversitĂ€t Koblenz-Landau setzt sich als eine von nur wenigen Organisationen europaweit, in Deutschland vor allem auch der BUND, bereits seit Jahren fĂŒr die umfassende Erforschung und den nachhaltigen Schutz der Grundwasserökosysteme ein. Dieser Lebensraum ist bislang nur wenig erforscht und der Wissensstand in etwa vergleichbar mit dem der Fauna in OberflĂ€chengewĂ€ssern vor 50 bis 100 Jahren. Die Grundwassertiere und mikrobiologischen Gemeinschaften seien ein wissenschaftlicher Schatz unermesslichen Wertes, so Hahn. Viele gelten als „lebende Fossilien“, da sie von seit Jahrmillionen oberirdisch ausgestorbenen Arten abstammen.
Die Studie:
„Stygoregions – a promising approach to a bioregional classification of groundwater systems“, Heide Stein, Christian Griebler, Sven Berkhoff, Dirk Matzke, Andreas Fuchs, Hans JĂŒrgen Hahn. Die Ergebnisse der Studie wurden am 19. September 2012 in der Fachzeitschrift „Nature Scientific Reports“ veröffentlicht. Die vollstĂ€ndige Studie ist online abrufbar unter http://www.nature.com/srep/index.html
Kontakt:
UniversitÀt Koblenz-Landau
Institut fĂŒr Umweltwissenschaften
PD. Dr. Hans JĂŒrgen Hahn
Fortstraße 7
76829 Landau
Tel.: (06341) 280-31590
E-Mail: hjhahn@uni-landau.de
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Weitere Informationen:
http://www.nature.com/srep/index.html Studie



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