Neu organisierte Recyclingkette fĂŒr Kunststoffe

Ein Großteil der tĂ€glich genutzten Verbrauchs- und GebrauchsgegenstĂ€nde besteht aus Kunststoffen, die auf Erdöl basieren. Allein in Deutschland fallen jĂ€hrlich rund sechs Millionen Tonnen kunststoffhaltige AbfĂ€lle an. Nur etwas weniger als die HĂ€lfte davon werden werkstofflich recycelt, die restlichen gut 50 Prozent werden einer energetischen Verwertung zugefĂŒhrt. Bei der Verbrennung der AbfĂ€lle wird das Treibhausgas CO2 freigesetzt. Aus Klima- und Umweltschutzsicht ist es daher wichtig, mehr Kunststoffe im Kreislauf zu halten. Im Leitprojekt Waste4Future entwickeln acht Fraunhofer-Institute neue Konzepte und Verfahren, um das werkstoffliche Recycling von Kunststoffen signifikant zu erhöhen.

Ohne Kunststoffe wie Polyethylen, Polypropylen oder Polystyrol, die aus fossilen Rohstoffen hergestellt werden, wĂ€ren viele Alltagsprodukte undenkbar. Das Problem: Die stoffliche Recyclingquote von Kunststoffen ist hierzulande noch immer zu niedrig. Nach wie vor wird mehr PlastikmĂŒll verbrannt als werkstofflich verwertet. Die MĂŒllverbrennung nutzt zwar das energetische Potential von AbfĂ€llen – die Wertstoffe gehen jedoch fĂŒr immer verloren. In einer echten Kreislaufwirtschaft dĂŒrfen AbfĂ€lle nicht verbrannt, sondern mĂŒssen vermieden, wiederverwertet und wahlweise mechanisch oder chemisch recycelt werden. Das reduziert nicht nur den Bedarf an fossilen Ressourcen, sondern auch die Umweltverschmutzung durch CO2-Emissionen. Zudem bleibt der im Kunststoff enthaltene Kohlenstoff als wichtige Ressource fĂŒr die chemische Industrie erhalten. Acht Institute und Einrichtungen der Fraunhofer-Gesellschaft bĂŒndeln im Leitprojekt »Waste4Future« (siehe Kasten) ihre Kompetenzen, um neue Lösungen fĂŒr dieses Ziel zu entwickeln – von der Rohstoffbasis ĂŒber die Stoffströme und Verfahrenstechnik bis zum Ende des Lebenszyklus eines Produkts. Die Fraunhofer-Einrichtung fĂŒr WertstoffkreislĂ€ufe und Ressourcenstrategie IWKS koordiniert das Projekt.
»Kunststoffe bestehen aus Kohlenwasserstoffen. An ihrem Lebensende landen sie in der gelben Tonne und werden anschließend sortiert. Minderwertige Fraktionen, die etwa zu sehr verschmutzt sind, werden verbrannt, hochwertige Fraktionen werden unter anderem nach ihrer Farbe aussortiert und als Rezyklate verkauft. Doch das sortenreine Recycling dieser wertvollen Stoffe ist komplex«, weiß Dr. Gert Homm, Leiter eines Teilprojekts und Wissenschaftler am Fraunhofer IWKS in Alzenau. »So werden viele Verpackungen in den Sortieranlagen erst gar nicht als recycelbar eingestuft und kommen als RestmĂŒll in die Verbrennungsanlage. Schwarzes Plastik erkennen viele der aktuellen Sensoriken nicht, und auch Joghurtbecher mit Aludeckel landen irrtĂŒmlicherweise beim Aluminium und dann im RestmĂŒll.«Abfall von heute, Ressource von morgen

Daher wird im Projekt Waste4Future eine Sensorsuite fĂŒr Sortieranlagen entwickelt, die unter anderem schwarze Abfallpartikel erkennt. Eine ausgeklĂŒgelte Kombination aus verschiedenen Sensoriken wie beispielsweise der Infrarot- und Terahertz-Sensorik der Sensorsuite soll sowohl die Stoffparameter fĂŒr eine möglichst reine Sortierung als auch die Alterung der Probe bestimmen. Das Alter der Probe ist relevant, um einzuschĂ€tzen, ob und wie sich diese fĂŒr das werkstoffliche Recycling eignet. Ist eine Fraktion zu stark beschĂ€digt, lĂ€sst sie sich nicht mehr mechanisch, sondern nur noch chemisch verwerten. Beide Aspekte sollen mit der Sensorsuite erkannt werden: Hier werden verschiedene physikalische Eigenschaften der Kunststoffe (optische, thermische, etc.) durch teilweise selbst entwickelte Sensorik detektiert und miteinander vernetzt. Die erfassten Daten werden mittels Verfahren des Maschinellen Lernens verknĂŒpft und ausgewertet. Die Sensorsuite zur Charakterisierung des Abfalls befindet sich ĂŒber dem Fließband einer Sortieranlage. DruckluftdĂŒsen sortieren dann wahlweise die gewĂŒnschten Zielstoffe oder die unerwĂŒnschten Störstoffe aus. Ein Störstoff fĂŒr das chemische Recycling kann etwa chlorierter Kunststoff sein, dazu gehört etwa Polyvinylchlorid, kurz PVC. Das enthaltene Chlor fĂŒhrt gerade im chemischen Recycling zu erheblicher Korrosion der dazu nötigen Anlagen. Generell gilt: Je sortenreiner die Fraktion, umso hochwertiger ist das Rezyklat.
Beim Detektieren des Kunststoffs durch die Sensorik fĂ€llt eine riesige Datenmenge an. "Digitale Zwillinge helfen, den Wust an Daten auf die elementaren Kerndaten zu reduzieren und diese an ein Bewertungsmodell weiterzugeben, das wir im Projekt entwickeln und das die bislang prozessgefĂŒhrte Recyclingkette zu einer stoffgefĂŒhrten Kette reorganisiert", sagt der Forscher. Dabei werden Faktoren wie Energieverbrauch und CO2-Fußabdruck berĂŒcksichtigt. Durch die Kombination von neuartiger Sortiertechnik, Digitalen Zwillingen, Machine Learning und Bewertungsmodell wird dynamisch ermittelt, welcher Weg des Recyclings fĂŒr eine spezifische Abfallmenge der technisch, ökologisch und ökonomisch sinnvollste ist. Das Bewertungsmodell ermittelt die Umweltbilanz und informiert unter anderem, wieviel Energie anfĂ€llt, um eine Tonne neuen Kunststoffs herzustellen. Dieser Energieverbrauch wird mit dem Energieverbrauch verglichen, der bei der energetischen Verwertung anfĂ€llt. Das Bewertungsmodell bewertet verschiedene Möglichkeiten, Kunststoffe zu recyceln und macht sie miteinander vergleichbar.
Im Projekt prĂŒfen die Partner die möglichen mechanischen (Schmelzextrusion, lösungsmittelbasierte Aufreinigung und Fraktionierung) und chemischen (Solvolyse, Pyrolyse, Gasifizierung) Recyclingverfahren und testen sie auf ihre Tauglichkeit fĂŒr die unterschiedlichen Kunststoffabfallzusammensetzungen. Zum Projektende im Dezember 2024 sollen dann aus alten Kunststoffen hergestellte Bauteile mit Neuware verglichen werden.Kreislaufwirtschaft statt thermischer Verwertung

"Eine nachhaltige Gesellschaft mit klimaneutralen Prozessen benötigt erhebliche Anpassungen in den Wertschöpfungsketten, die nur durch Innovationen möglich werden. Dem leisten wir im Projekt Folge, indem wir die optimale Recyclingroute und den optimalen Sortierprozess unter der BerĂŒcksichtigung ökonomischer und ökologischer Kriterien berechnen und somit zu einer erheblichen CO2-Minderung im Vergleich zur energetischen Verwertung beitragen und eine weitestgehende KreislauffĂŒhrung von kohlenstoffhaltigen AbfĂ€llen ermöglichen", resĂŒmiert der Physiker.


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