Industrie 4.0: Bereits 5 vor 12 fĂŒr Deutschlands Kreislaufwirtschaft?!

Die digitale Transformation, in der Stoff- und InformationsflĂŒsse stĂ€rker und effizienter denn je koordiniert werden, könnte der „Missing Link“ zur Umsetzung der Kreislaufwirtschaft und einem erhöhten Einsatz von hochwertigen SekundĂ€rrohstoffen sein“, erklĂ€rte der Leiter des GeschĂ€ftsfelds Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut fĂŒr Klima, Umwelt und Energie, Dr. Henning Wilts, auf dem 16. bvse-Elektro(nik)-AltgerĂ€te-Tag in NĂŒrnberg. Doch wĂ€hrend NachbarlĂ€nder wie Frankreich und die Niederlande den Megatrend und seine Chancen erkannt haben und bereits systematisch an diesen Schnittstellen fĂŒr eine Optimierung der Kreislaufwirtschaft arbeiten, scheint sich gerade der Recyclingweltmeister und UmwelttechnikfĂŒhrer Deutschland schwer zu tun, sich auf diesen Entwicklungsfortschritt einzustellen. Sollte nicht bald ein Umdenken stattfinden, wird Deutschland seine internationale Vorreiterrolle einbĂŒĂŸen und sich den gesetzten Standards anderer IdeenfĂŒhrer anpassen mĂŒssen, anstelle diese selbst mitzugestalten, warnte Wilts.


Die rasante Entwicklung technischer Möglichkeiten, in Echtzeit Daten zu erfassen, zu analysieren, zu verwalten und mit vor- odernachgeschalteten Prozessen zu vernetzen, werden in der Zukunft industrielle Wertschöpfungsstrukturen radikal verĂ€ndern und haben in unterschiedlichen Bereichen bereits eine Vielzahl neuer GeschĂ€ftsmodelle auf den Plan gerufen. Doch die vorwiegend mittelstĂ€ndisch strukturierte Abfall- und Recyclingwirtschaft in Deutschland hinkt diesem digitalen Wandel derzeit hinterher, erklĂ€rte Wilts. Dabei bietet, nach einer Untersuchung der Unternehmensberatung Roland Berger im Auftrag des Bundesumweltministeriums zur Digitalisierung in den sechs UmweltleitmĂ€rkten Deutschlands, gerade der Digitalisierungsprozess in der Kreislaufwirtschaft ein besonders hohes Effizienzpotenzial, beispielsweise fĂŒr die Ressourcenschonung, so der Experte aus dem Wuppertal Institut.

Digitalisierung als BrĂŒckenbauer fĂŒr den verstĂ€rkten Einsatz von SekundĂ€rrohstoffen

„Viele hochwertige SekundĂ€rrohstoffe finden, selbst wenn sie, wie beispielsweise im Kunststoffbereich bis zu 20 % gĂŒnstiger als PrimĂ€rrohstoffe sind, keine Anwendung in industriellen Prozessen, weil man zu wenig ĂŒber sie weiß: Wo kommen sie her? Wie wurden sie recycelt? Wann und in welchen Mengen fallen sie wo an? Hier besteht derzeit ein großes Informations-und Datenmanagementproblem, dass sich auf dem Weg in eine Kreislaufwirtschaft und fĂŒr eine Erhöhung des Einsatzes von SekundĂ€rrohstoffen in Produktionsprozesse als große HĂŒrde herausstellt.“

In einer engeren digitalen Vernetzung könnten abfallbezogene Daten effizienter gemanagt und im Kreislauf mitgefĂŒhrt werden. „Es geht an vielen Stellen nicht nur darum, wo Stoffe hingehen, sondern auch wie sie zusammengesetzt sind und in welcher Art und Weise sie demontiert und recycelt werden mĂŒssen“, so Wilts.

Es mĂŒsse darum gehen, all diese digitalen Daten in ein funktionierendes Wertschöpfungsnetz dergestalt einzuspeisen, dass es sich am Ende fĂŒr alle Marktbeteiligten rechne. Anstelle reiner Regulation wĂŒrden so effiziente, marktbasierte Lösungen möglich.

Kompetenzzentrum will digitale Kreislaufwirtschaft weiterentwickeln

Das Wuppertal Institut, das sich in den nĂ€chsten Jahren weiter intensiv mit der digitalen Transformation als Wegbereiter der Kreislaufwirtschaft beschĂ€ftigen will, plant ein Kompetenzzentrum fĂŒr digitale Kreislaufwirtschaft, dass die Recycling- und Entsorgungswirtschaft mit Herstellern und Logistikern zusammenbringen und Konzepte fĂŒr die Umsetzung in neue GeschĂ€ftsmodelle erarbeitet möchte. Hierin einbezogen werden sollen wichtige praxisbezogene Überlegungen, wie das Sensoring, das sich mit der Datensammlung und -erzeugung in Echtzeit sowie mit automatisierten Markt- und Logistikplattformen beschĂ€ftigt; die sogenannten Cyber Physical Systems, die Informationen zu Produkten ĂŒber den gesamten Produktionsprozess hinweg zur VerfĂŒgung stellen; sowie Block Chain-Anwendungen, die Abfall-DatenflĂŒsse darstellen, ohne dem Wettbewerb Informationen an die Hand zu geben, die RĂŒckschlĂŒsse auf Produktionstechnik oder -verfahren zulassen; und, last but not least, das Internet der Dinge, das die Vernetzung der zu recycelnden Produkte so gestalten könnte, dass diese sich beispielsweise selbst vermarkten.

Besonderes Augenmerk in der Arbeit des Kompetenzzentrumssoll nach den Worten Wilts auf der Analyse der speziellen Herausforderungen von kleinen und mittelstĂ€ndischen Unternehmen liegen. Ziel sei unter anderem, Orientierung fĂŒr den richtigen Rahmen zum Transformationsprozess und fĂŒr das „Big Picture“ zu geben, damit KreislĂ€ufe dort geschlossen werden, wo sie zur Ressourcenschonung beitragen und aus Umweltsicht Sinn machen.

Fehlende KapazitÀten und Unsicherheiten lassen den Digitalisierungsprozess in der Branche langsam anlaufen

Die Ursache dafĂŒr, dass sich die vorwiegend klein- und mittelstĂ€ndische strukturierten deutschen Branchenunternehmen noch zu wenig mit der Digitalisierungsthematik beschĂ€ftigen, sieht der Kreislauf- und Digitalisierungsexperte vor allem in fehlenden Zeit- und Personalressourcen,und nicht zuletzt auch in Unsicherheiten aufgrund des hohen Investitionsrisikos oder noch ungeklĂ€rten rechtlichen Fragestellungen. Bei den vielfĂ€ltigen praktischen und administrativen Herausforderungen, die alleine das tĂ€gliche KerngeschĂ€ft mit sich bringt, hĂ€tten vor allem die kleinen Recycler und Entsorger keine KapazitĂ€ten und Reserven dafĂŒr, sich in dieser Thematik einen Überblick zu verschaffen und sich zusĂ€tzlich mit Fragen wie IT-Sicherheit oder Datenstandards zu befassen, so Dr. Henning Wilts.

Dies bestĂ€tigt auch bvse-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Eric Rehbock.„ Den Branchenunternehmen ist bewusst, dass es bereits 5 vor 12 ist, die Komfortzone hier zu verlassen, um den Anschluss nicht zu verpassen“, so Rehbock. „Auf Verbandsebene wird sich der bvse im Dialog mit seinen Mitgliedern insbesondere mit den praktischen Herausforderungen auseinandersetzen, die die„Informationsrevolution“ 4.0 fĂŒr die Unternehmen mit sich bringt, erklĂ€rte derbvse-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer. FĂŒr 2018 stehe zudem ein Seminar auf der Agenda, das den Mitgliedern wichtige Informationen zum State-of-the-art und Hinweise zu möglichen Hilfestellungen anbieten soll, damit sie die Chancen der Digitalisierung im Wettbewerb nutzen und mögliche Risiken minimieren können.

Nicht zuletzt seien aber auch Impulse seitens der Politikgefragt, damit funktionierende MĂ€rkte fĂŒr SekundĂ€rrohstoffe in der Kreislaufwirtschaft erhalten bleiben und vom internationalen Wettbewerb nicht abgehĂ€ngt werden“, machte Rehbock deutlich.



Copyright: © bvse-Bundesverband SekundĂ€rrohstoffe und Entsorgung (05.01.2018)
 
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