Schwere Zeiten für Schnäppchenjäger

Bis in die 80er Jahre war gemischter Gewerbeabfall in der Regel genauso wie Hausmüll den entsorgungspflichtigen Kommunen zu überlassen, unabhängig davon, ob die Kommunen die Abfuhr selbst durchführten oder sich privater Dritter bedienten.

In den 90er Jahren wurden Gewerbeabfälle, die verwertet werden sollten, aus der Überlassungspflicht entlassen – auf Wunsch der privaten Entsorgungswirtschaft. In der Folge kam es zu einem wahren „Verwertungswunder“. Lag die Menge zu beseitigender gemischter Gewerbeabfälle je Beschäftigter in den 80er Jahren bei über 300 Kilogramm pro Jahr, so sank sie gegen Ende der 90er Jahre auf unter 30 kg/a. Auf den ersten Blick also eine beeindruckende Verwertungsbilanz. Millionen Tonnen gemischter Gewerbeabfälle sind aus der öffentlichen Statistik verschwunden. Allerdings gab es schon damals Indizien, die diese positive Bilanz in Frage stellten. So schossen zwar Sortieranlagen wie Pilze aus dem Boden, aber die Zielorte für die anschließende Verwertung waren nicht bekannt. Solche Mengen hätten große Abnehmer benötigt, die Insidern nicht unerkannt geblieben wären. Und schließlich machte auch skeptisch, daß dieses Recycling wirtschaftlich nicht darstellbar war. Um der Überlassungspflicht der Kommunen zu „entkommen“, mußte der private Entsorger dem Gewerbebetrieb ein Angebot machen, das kostengünstiger war als eine TASi-konforme Beseitigung durch die Kommune. Somit lag der Verdacht nahe, daß die Sortierung nur mit relativ geringer Tiefe erfolgte (wenn überhaupt) und der stattliche Sortierrest von 90 Prozent und mehr statt dessen auf billige Deponien verbracht wurde. Die zweistelligen Steigerungsraten bei der Entwicklung der Sortierrest- Menge erhärteten diesen Verdacht. Ende der 90er Jahre schätzten Branchenkenner, daß mindestens 5 Millionen Tonnen Gewerbeabfälle scheinverwertet würden. Dieser Befund wurde jedoch von interessierter Seite rundweg bestritten.

Heute zeigt sich, daß die damaligen Fakten und Zusammenhänge gestimmt haben. Denn die Probleme, die die private Entsorgungsbranche gegenwärtig mit der Umsetzung der Ablagerungsverordnung im Bereich der Gewerbeabfälle hat, hängen mit diesem vielfach praktizierten Abfallschwindel zusammen. Seit es nicht mehr möglich ist, „Sortierreste“ für 20 Euro pro Tonne zu deponieren, wird die Schieflage offenbar.

Nun muß ernst gemacht werden mit der Verwertung. Warum soll das, was bei den Abfällen aus den privaten Haushalten seit Jahren erfolgreich und nutzbringend für Umwelt und Geldbeutel praktiziert wird, nicht auch bei den Abfällen der Gewerbebetriebe möglich sein? Schließlich sind Gewerbeabfälle aufgrund ihrer Zusammensetzung sogar besser verwertbar als der Haushaltsabfall. Gerade die Entsorgungsbranche müßte doch ein hohes Interesse daran haben, daß die Nachfrage für Getrennthaltung, Sortierung und stoffliche Verwertung von Abfällen steigt. Bei allem Verständnis für die Not eines mittelständischen Entsorgers muß man diese Zusammenhänge bei der Beurteilung der derzeitigen Situation berücksichtigen. Es kam für keinen Unternehmer überraschend, daß ab 2005 Deponien diese „Sortierreste“ nicht mehr annehmen dürfen. Daher ist die heutige Not einzelner Unternehmen auch selbstverschuldet.

Henriette Berg,
Abteilungsleiterin Wasserwirtschaft, Abfallwirtschaft, Bodenschutz und Altlasten, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU)



Copyright: © Rhombos Verlag
Quelle: 03/2005 - Abfallwirtschaft bis 2020 (Oktober 2005)
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