Flusssäure neutralisiert - Entsorgungsengpass flüssiger Sonderabfälle beseitigt

Eine der modernsten und nach aktuellen Sicherheitsstandards konzipierte geschlossene Anlage zur Neutralisation hochtoxischer flüssiger Produktionsrückstände ist bei Leipzig in Betrieb gegangen. Damit wird vor allem ein Engpass beseitigt, der aufgrund steigender Produktnachfrage in verschiedenen Wirtschaftsbereichen bei der Entsorgung von Flusssäure entstanden ist.

(23.02.07) Flusssäure, oder auch Fluorwasserstoffsäure, wird insbesondere in der Solarzellen- und Chipproduktion zum Ätzen von Siliziumflächen verwendet. Die Handhabung speziell dieser Säure ist äußerst kompliziert. Der Industrie eröffnet sich mit der Anlage ein zuverlässiger neuer Entsorgungsweg, der höchste Sicherheitsstandards erfüllt. In das Genehmigungsverfahren waren 13 Fachbehörden eingebunden, um die Auflagen hinsichtlich Immissionsschutz-, Abfall-, Wasser-, Arbeitschutz-, Bau- und Brandschutzrecht abzustimmen. Überwachende Behörde ist das RP Leipzig.

Pro Tag lassen sich in der neuen Anlage etwa 24 Tonnen Säuren neutralisieren. Herzstücke sind sieben Behandlungsreaktoren, in denen die Neutralisation stattfindet. Der eigentliche verfahrenstechnische Vorgang läuft völlig automatisiert ab. Die gesamte Anlage, die Lobbe Industrieservice am Betriebsstandort Espenhain projektierte und baute, wird per Mausklick computergesteuert und ist kameraüberwacht. In die neue Technik investierte das Unternehmen rund drei Mio. Euro; davon entfielen allein auf sicherheitstechnische Vorkehrungen mehr als 1,5 Mio. Euro. Zwischenzeitlich wurde die nach Bundes-Imissions-Schutz-Gesetz (BImSchG) genehmigte Anlage auch zertifiziert.

Lobbe stellt für die Behandlung flüssiger Sonderabfälle nunmehr deutschlandweite Kapazitäten von rund 210.000 Jahrestonnen zur Verfügung. Auf Espenhain, wo auch andere flüssige Produktionsrückstände wie Salpetersäure, Salzsäure und Schwefelsäure aber auch Kalilauge und nitrithaltige Laugen behandelt werden können, entfallen dabei 10.000 Tonnen. Weitere Spezialanlagen hatte Lobbe in den vergangenen Jahren auch für die Behandlung schwermetallhaltiger Böden ebenfalls selbst entwickelt.

Besondere planungstechnische Anforderungen stellte die neue Behandlungstechnologie an die Isometrie des Rohrsystems, das komplett aus speziellen medienbeständigen Kunststoffen höchster Güte besteht. Von Beginn an war das Ziel gesetzt, unter Auslastungs- und Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen in einer Anlage jeweils unterschiedliche Säuren oder unterschiedliche Laugen im Bedarfsfall parallel behandeln zu können. Organisatorisch wird dabei durch eine dreifache Annahmekontrolle sowie der Einzelbeprobung jedes Behälters ausgeschlossen, dass bei der Annahme eine Vermischung erfolgen könnte. Über drei Pumpstationen gelangen die Flüssigrückstände in die jeweiligen Reaktionsbehälter. Dabei sind die Pumpen den Behältern eindeutig zugeordnet, so dass auch hier eine Vermischung nicht möglich ist. Nach jedem Chargenwechsel wird der betreffende Anlagenteil neutral gespült. Die Neutralisierung der Säuren und Laugen erfolgt nach streng festgelegten Parametern. Von entscheidender Bedeutung sind dabei der Temperaturverlauf sowie das reaktive Verhalten während des Prozesses, der nur in bestimmten "Fenstern" stattfinden kann. Durch die permanente Temperaturkontrolle in den Rührbehältern und entsprechender Abschaltung der Annahmepumpen bei überhöhten Werten wird ein absolut sicherer Betrieb gewährleistet. Der Neutralisierungsprozess, bei dem letztendlich Schlamm und Wasser entstehen, ist abgeschlossen, wenn die Zielkonzentration erreicht ist. Über eine Pumpe gelangt der Schlamm zunächst in einen Vorlagebehälter und von dort in die Kammerfilterpresse. Das Wasser wird in einen Stapeltank gepumpt, analysiert und dann entsprechend dem weiteren Behandlungsweg zugeführt.

Während des Neutralisationsprozesses bilden sich in den Reaktorbehältern Gase. Diese werden über einen Hochleistungs-Gaswäscher gereinigt, der 8000 Kubikmetern pro Stunde mehrfach tauscht: Die Gasbestandteile aus den Reaktoren werden dabei im Gaswäscher über Neutralisationsflüssigkeiten gezogen, an denen sich die Schadstoffe dann anlagern. Aufgrund der außergewöhnlich großen Kontaktoberflächen wird ein größtmöglicher Stoffaustausch erreicht. Eine Verfrachtung von Flüssigkeiten in den gereinigten Abluftstrom wird durch einen hochwirksamen Tropfen- und Aerosolabscheider unterbunden.

Allgemein kann man davon ausgehen, dass vor allem der Markt für Photovoltaik-Produkte weiter wachsen wird und dadurch der Anfall von Prozesslösungen ansteigen dürfte. Lobbe Industrieservice wird sich in Mitteldeutschland auf die größeren Mengen transportlogistisch einstellen, in dem etwa zur Jahresmitte ein so genanntes "Hochsicherheits-Saug-Druck-Fahrzeug" in den Dienst gestellt werden soll. Es hat einen 12-Kubikmeter-Kessel mit einer Spezialstahl-Legierung. In diesem Fahrzeug, das die Säuren eigenständig einsaugen und wieder herausdrücken kann, lassen sich 90 Prozent aller Säuren und Laugen transportieren.

Strategisch will Lobbe vor allem die Potenziale in den Bereichen Industrieservice, Sonderabfallentsorgung und Altlastensanierung in die Richtung der chemischen und petrochemischen Industrie zu einem eigenständigen Kompetenzprofil ausbauen. Nach Ansicht von Geschäftsführer Dr. Reinhard Eisermann werde es in den nächsten Jahren notwendig, die zukünftigen Bedürfnisse der Kunden vorausschauend zu erkennen. Neue Produktionstechniken würden auch neue Anforderungen an einen modernen Dienstleister wie Lobbe stellen. Marktbeobachtung und Marktanalyse sowie ein funktionierendes Innovationsmanagement seien daher mehr denn je gefragt wie auch die sorgfältige Auswahl von Fachkräften.

Lobbe schöpft derzeit in Mitteldeutschland aus einem qualifizierten Reservoir von Ingenieuren und Chemikern vornehmlich aus ehemaligen DDR-Chemiekonzernen. Die Anlage in Espenhain wurde folgerichtig ausschließlich mit eigenen Fachkräften realisiert.


Unternehmen, Behörden + Verbände: Lobbe Industrie Service GmbH & Co KG
Autorenhinweis: Jörg Mueller, Lobbe



Copyright: © Deutscher Fachverlag (DFV)
Quelle: Januar/Februar 2007 (Februar 2007)
Seiten: 0
Preis inkl. MwSt.: € 0,00
Autor: Jörg Mueller

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