Gemeinsam geht's besser - Modellprojekt für gemischte Bau- und Abbruchabfälle in Hessen

Das Deponieverbot vom 1. Juni 2005 wurde für viele Kreis- und kreisfreie Städte zum Problem. Viele Gebietskörperschaften haben die Übergangsfrist von immerhin 12 Jahren nicht genutzt, um das schon im Jahr 1993 mit der "Technischen Anleitung Siedlungsabfall" (TASi) anvisierte Ziel einer nachsorgefreien Deponie zu erreichen.

(23.02.07) Auch die klare Priorität, Abfälle zu vermeiden sowie das Prinzip "Verwertung vor Beseitigung" wurden wenig beachtet - anders als im seit 1996 gültigen Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz gefordert. Stattdessen wurde der einfache Ausweg der so genannten Scheinverwertung gewählt und weiterhin so billig wie möglich entsorgt. Bei der Scheinverwertung wurden unsortierte Gewerbeabfälle einer Sortieranlage zugeführt, die nur Bruchteile der Abfälle einer Verwertung zugänglich machte. Der weit überwiegende Teil wurde - unter Umgehung ordnungsgemäßer und schadloser Verwertungswege - auf kostengünstigen Deponien beseitigt. Damit ist nun Schluss.

Seit die TASi im Jahr 2001 durch die "Abfallablagerungsverordnung" und die "Deponieverwertungsverordnung" konkretisiert wurde, stand der bundesweit verbindliche Termin endgültig fest. Die Kommunen reagierten mit dem Bau von Müllverbrennungsanlagen (MVA) und Mechanisch-Biologischen Abfallbehandlungsanlagen (MBA). Hier reichen die Kapazitäten vielerorts heute noch nicht aus. Dabei bereitet der Hausmüll weniger Probleme als die gemischten Bau- und Abbruchabfälle. In der Bundesrepublik handelt es sich bei letzteren um eine Größenordnung von rund zwölf Mio. Tonnen im Jahr. Um die anfallenden Mengen vorschriftsmäßig, umweltgerecht und nicht zuletzt auch wirtschaftlich zu entsorgen, fehlt es an nachhaltigen Lösungen. Es kam vielerorts zu einer Preisexplosion. Konnte bis zum 30. Mai 2005 der gemischte Bau- und Abbruchabfall noch zu einem Nettopreis von etwa 50 bis 70 Euro pro Tonne entsorgt werden, lag der Preis im Herbst 2005 schon bei 130 200 Euro pro Tonne. Da sind Überlegungen, Abfälle aus Industrie und Gewerbe aufzubereiten, nicht nur aus umweltpolitischen Aspekten interessant. Denn wertvolle Rohstoffe wie Papier, Holz, Kunststoffe, Eisen- und Nichteisenmetalle sowie Mineralik lassen sich auf wirtschaftliche Weise in den Rohstoffkreislauf zurückführen. Ein in Hessen durchgeführtes Modellprojekt hat dies inzwischen erfolgreich unter Beweis gestellt. Auf der dritten Fachtagung der Aktionslinie "hessen-umwelttech" entstand die Idee für eine Anlage zur Aufbereitung von gemischten Bau- und Abbruchabfällen. Würde eine solche Anlage von mehreren mittleren Unternehmen im Verbund betrieben, wäre es keine Schwierigkeit, wertvolle Rohstoffe zurück zu gewinnen und zu vermarkten, erklärten Dr.-Ing. Uwe Görisch und der Inhaber der Professur für Abfall- und Ressourcenmanagement an der Universität Gießen, Prof. Dr. Stefan Gäth. "In der Abfallwirtschaft gibt es eine ausgeprägte Tendenz zur Monopolbildung", erläuterte Uwe Görisch weiter, "kleine und mittlere Unternehmen haben es da schwer, sich gegenüber konzerngeführten Unternehmen zu behaupten." Gute Annahmeerlöse durch das derzeit hohe Preisniveau würden durch zu geringe Abfallmengen der Einzelunternehmen wieder zunichte gemacht. Durch die Zusammenarbeit mehrerer Unternehmen sei es aber möglich, die jeweiligen technologischen Ressourcen gemeinsam zu nutzen sowie die Abfallmengen zu bündeln und wirtschaftlich zu verwerten. Die Anlage habe so gute Chancen, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, waren sich die Branchenexperten sicher. Unterstützt durch das RKW Hessen (Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Wirtschaft), beantragten bald darauf drei hessische Unternehmen aus der Abfallbranche Fördermittel für ein Modellprojekt beim Hessischen Wirtschaftsministerium. Ziel des Projektes war es, anhand eines konkreten Beispiels die technischen, organisatorischen, ökonomischen und ökologischen Randbedingungen auszuloten und den Betrieb einer Aufbereitungsanlage vorzubereiten sowie die gewonnenen Erkenntnisse für weitere Unternehmen der Umwelttechnologie nutzbar zu machen.

Unter der Leitung und Koordination des RKW Hessen wurde das Projekt in der Zeit von August bis Dezember 2005 mit Unterstützung von der Beratungsgesellschaft Dr.-Ing. Görisch GmbH durchgeführt. Wissenschaftlich begleitet wurde es durch das Interdisziplinäre Forschungszentrum IFZ der Universität Gießen unter der Federführung von Prof. Dr. Stefan Gäth.

Im Vorfeld des Projektes führten die beteiligten Unternehmen Sortieranalysen durch, um die Abfallmengen und insbesondere die Abfallzusammensetzung festzustellen. Für die Kosten- und Erlösrechnung wurden aktuelle Marktpreise der jeweiligen Wertstoffe zugrunde gelegt. Je nach Preisgefüge und Aufbereitungstechnik konnte von einem "Break even" schon bei einer Menge von 5.000 bis 16.000 Tonnen pro Jahr ausgegangen werden. Die Berechnung der Wirtschaftlichkeit ergibt sich aus den Annahmeerlösen, Aufbereitungskosten, Verkaufserlösen und Kosten für die Sortierreste. Als Formel gilt: Je geringer die Sortierreste, desto höher die Erlöse.

Doch nicht nur in ökonomischer Hinsicht sondern auch im Hinblick auf die Sortiertechnik waren die Sortieranalysen wichtig. Es stellte sich heraus, dass eine flexible Sortiertechnik ausschlaggebend für einen langfristigen Erfolg ist. Sie muss in der Lage sein, die zu erwartenden Unterschiede in der Abfallzusammensetzung zu bewältigen und dabei dennoch finanzierbar bleiben. Eine innovative Maschinentechnik, die Modifikationen oder Erweiterungen auch nach der Inbetriebnahme noch zulässt, ist unerlässlich. Um bei späteren Veränderungen auch den Standort, die Lage der Anlage oder einzelne Aggregate anpassen zu können, empfiehlt sich zudem eine mobile Anlagentechnik. Erforderliche und sinnvolle Aggregate für eine Sortier- und Aufbereitungsanlage von gemischten Bau- und Abbruchabfällen sind:

Baggervorsortierung (Sortiergreifer)

Aufgabe (Schubboden)

Gurtförderer

Magnet

NE-Scheider (optional)

Trommel (alternativ)

Sortierstation

NIR-Scheider (optional)

Shredder (optional)

Presse (optional)

Perforator (optional)

Durch Kooperation können die beteiligten Unternehmen Mengenströme bündeln und eine wirtschaftlich tragfähige Sortieranlage errichten. Sie gewinnen sortenreine Wertstoffe, durch die sich gute Erlöse erzielen lassen. Besonders gewinnbringend sind Metalle (Fe-, NE-Metalle), Kunststoffe und die Papierfraktion. Anders als in der Schätzung erwartet, lag der Anteil der Sortierreste nicht bei 70 sondern unter 50 Prozent.

Die Erfahrungen im Modellprojekt zeigten, dass die technischen Aufgaben ohne Probleme zu lösen sind. Es stellte sich heraus, dass die Herausforderungen eher darin bestehen, ein Klima des Vertrauens zu schaffen, das es den beteiligten Unternehmen leicht macht, miteinander zu kooperieren. Dazu war es notwendig, den Wettbewerbsgedanken unter den Kooperationspartnern zurück zu stellen. Gerade im Zusammenschluss mittelständischer Unternehmen, die normalerweise in direkter fachlicher und räumlicher Konkurrenz zueinander stehen, ist die Betreuung durch Dritte sehr zu empfehlen. Hier können Moderations- und Vermittlungsleistungen externer Berater dazu beitragen, Entscheidungsprozesse zu lenken und einen angemessenen zeitlichen Ablauf zu gewährleisten. Für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit der beteiligten Unternehmen sind die Verteilung der Investitions- und Betriebskosten sowie die Verteilung der Erlöse entscheidend. Ein Business-Plan hilft dabei Chancen und Risiken für eine gemeinsame Betreibergesellschaft einer Sortieranlage zu fixieren.

Im Modellprojekt wurde die Wahl eines geeigneten Standortes dadurch erleichtert, dass eines der beteiligten Unternehmen bereits über eine Genehmigung für eine Sortieranlage auf dem eigenen Betriebsgelände verfügte. Wenn dies nicht der Fall ist, muss ein erheblicher zeitlicher Vorlauf für das Genehmigungsverfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) einkalkuliert werden. Bei der Wahl des Standorts sollten eventuell erforderliche Baumaßnahmen bedacht werden, wie der Bau einer Eingangslagerhalle. Da eine rechtliche Beratung nicht Teil der Förderung im Modellprojekt sein kann, wurde zusätzlich ein Rechtsanwalt hinzugezogen. Als Geschäftsform wurde hier die GmbH gewählt. Wichtig ist es, im Gesellschaftsvertrag ein Gleichgewicht unabhängig von den eingebrachten Mengen und Qualitäten der Abfälle zu etablieren. Die Gleichberechtigung unterstützt die sachliche Entscheidungsfindung und wirkt Einzelinteressen entgegen.


Unternehmen, Behörden + Verbände: RKW Hessen GmbH
Autorenhinweis: Kay Uwe Bolduan, RKW Hessen GmbH



Copyright: © Deutscher Fachverlag (DFV)
Quelle: Januar/Februar 2007 (Februar 2007)
Seiten: 3
Preis inkl. MwSt.: € 0,00
Autor: Kay Uwe Bolduan

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